"Biostimulanzien dienen als Risikoabsicherung und können negative Effekte abfedern."
Neue ackerbauliche Methoden erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Hinter Begriffen wie “Regenerative Landwirtschaft”, “Hybridlandwirtschaft” oder “Carbon-Farming versteckt sich ein erweitertes Denken in Systemen, das über Nährstoffbilanzen oder Wirkstoffwechsel hinausgeht. Beachtet werden hier viele Faktoren wie der Humusgehalt, die Menge des Bodenlebens oder die Nutzung von natürlichen Abwehrmechanismen. Diesen Kriterien wird dabei eine wesentlich größere Rolle beigemessen als es im “klassischen” Ackerbaudenken der Fall ist.
Um die Ziele der Anbausysteme zu erreichen, bedient man sich immer häufiger einer alternativen Betriebsmittelkategorie, den Biostimulanzien. Dazu zählen vor allem Bodenhilfsstoffe und Pflanzenstärkungsmittel. Doch was genau enthalten die Produkte, wie wirken sie und wo können sie auch im klassischen Anbau am besten eingesetzt werden? Zunächst ein Beispiel: Im Sojaanbau wird das Saatgut mit stickstoffbindenden Knöllchenbakterien geimpft. Dies bewirkt eine stärkere Ausbildung von Knöllchenbakterien und somit eine bessere Stickstoffbindung aus der Luft. Dies ist ein praxisübliches Beispiel für die Anwendung von Biostimulanzien und zeigt, wie ihre Anwendung verstanden werden muss. Während man beispielsweise bei der Stickstoffdüngung direkte Effekte erwarten kann, die anhand von Ertragskurven sogar berechenbar sind, sind Biostimulanzien als Katalysatoren zu verstehen. Sie verstärken, fördern und optimieren bereits bestehende Prozesse. Dies bedeutet, dass man durch ihre Anwendung nicht immer direkte Resultate erwarten darf. Besonders in Systemen, wo die Prozesse bereits optimal ablaufen, werden die Änderungen gering sein.
Wann trifft so etwas schon einmal zu, dass alles optimal läuft ?
Eigentlich fast nie.
Ein weiteres Problem ist, dass die Effekte wissenschaftlich schwer nachweisbar sind. Versuche sind häufig nur auf wenige Jahre ausgelegt, die Resultate der oben erwähnten neuen Anbausysteme zeigen sich aber erst nach langjähriger Anwendung. Weiterhin müssen wissenschaftliche Experimente reproduzierbar, also wiederholbar sein. Dies ist gerade bei diesen Ansätzen unvorteilhaft, da die Vielzahl der biologischen Parameter nicht nachgestellt werden kann. Aus diesem Grund sind in naher Zukunft wenige belastbare Untersuchungen zu dieser Thematik zu erwarten. Also muss auf Praxiserfahrungen zurückgegriffen werden, um die Wirkung von Biostimulanzien zu beschreiben. Landwirte berichten von positiven Effekten vor allem unter suboptimalen Bedingungen. Dazu zählen beispielsweise Trockenheit, reduzierte Düngemengen oder Mulch- beziehungsweise Direktsaatverfahren.
Bestätigt worden ist die Wirkung von Herbali Plus, in den Versuchen von 2014 bis 2020,
durchgeführt von der Gewässerschutzberatung in Zusammenarbeit mit der Allianz für den Gewässerschutz.
Vielfalt der Biostimulanzien sortieren: Welche Typen gibt es?
In den letzten Jahren hat sich eine große Produktvielfalt an Biostimulanzien entwickelt, die kaum überschaubar ist. Jedoch enthalten die Produkte häufig die gleichen oder ähnliche Inhaltsstoffe. Die Hauptbestandteile sind Mikroorganismen, Algenpräparate, Pflanzenextrakte, Huminstoffe und Mikronährstoffe.
Ein konkretes Beispiel für Pflanzenextrakte sind L-Aminosäuren. Durch die Anwendung dieser erspart man den Pflanze einen Energieaufwand. Normalerweise wandeln Pflanzen elementare Nährstoffe durch Photosynthese zu organischen Molekülen um. Indem direkt die fertigen Stoffwechselprodukte zur Verfügung gestellt werden, kann die Pflanze einen Teil der ihr zur Verfügung stehenden Energie einsparen und für andere Prozesse nutzen.
Eine andere verbreitete Gruppe der Biostimulanzien sind Huminstoffe. Dazu gehören Humin- und Fulvosäuren. Dabei handelt es sich um langkettige Verbindungen, die im Humus vorkommen. Durch die Ausbringung von Huminstoffen wird die Humusbildung gefördert. Dadurch ergeben sich die Vorteile, die aus einem erhöhten Humusanteil resultieren, wie eine verbesserte Bodenstabilität, ein höheres Wasserhaltevermögen und eine größere Kationenaustauschkapazität (KAK). Weiterhin wird durch das Vorhandensein von Humin- und Fulvosäuren die Wurzelbildung von Pflanzen angeregt. Durch den größeren erschlossenen Bodenraum können auch mehr Nährstoffe von der Pflanze aufgenommen werden. Dies ist zum Beispiel bei Phosphor besonders wichtig, da nur in einem sehr kleinen Raum um die Wurzel Phosphor mobilisiert werden kann. Die Phosphoraufnahme hängt also direkt von der gebildeten Wurzelmasse ab.
Empfehlungen aus
Weiterhin sehr bekannt sind Mikroorganismen. Sie sind natürlicher Bestandteil der Umwelt und haben verschiedene Aufgaben, wie den Abbau von Pflanzenresten, die Bindung von Luftstickstoff oder die Bekämpfung von Pathogenen. Eine zusätzliche Ausbringung gezielter Arten erhöht deren Anzahl, wodurch sich deren positive Effekte verstärken lassen. Sie können als fertiges Produkt gekauft werden, wobei häufig der Name Effektive Mikroorganismen (EM) fällt. Eine weitere Möglichkeit besteht in der selbständigen Vermehrung der Organismen. Ja nach Vermehrungsart lassen sich damit beispielsweise Fermente, Kompost- oder Heu-Tee herstellen. Dafür stehen Produkte zur Verfügung, die eine effektive Vermehrung unterstützen. Diese bestehen häufig aus Melasse, Bakterien, Hefen, Pilzen sowie (Mikro-)Nährstoffen oder Aktivkohle. Fermente fördern den Abbau von Pflanzenresten, beispielsweise der Zwischenfrucht oder von Ernteresten. EMs können auch für den Pflanzenschutz eingesetzt werden. Auf den Blättern ausgebracht, besiedeln sie diese und lassen somit keinen Platz mehr für Schaderreger oder hemmen sie durch Abgabe von Abwehrstoffen.
Praktische Anwendung von Biostimulanzien
Für die Anwendung von Biostimulanzien bedeutet das folgendes: Wer bereits sehr gute Erträge erzielt, wird kaum oder keine Effekte bemerken. Hohe Erträge sind ein Indikator dafür, dass bereits ein gut funktionierendes System mit optimalen Prozessen besteht, die gar nicht weiter gefördert werden können. Weiterhin kann angenommen werden, dass Bodenstruktur, Humusgehalt, Bodenleben oder auch Nährstoffe in ausreichender Menge und einem guten Verhältnis vorliegen. Andererseits werden Effekte sichtbar, wenn die Prozesse nicht optimal sind. Dazu zählen unter anderem Ereignisse wie Trockenheit, auf die man keinen Einfluss hat. Aber auch für Betriebe, die den klassischen Betriebsmitteleinsatz reduzieren wollen oder müssen, ihr Bewirtschaftungssystem umstellen oder keine optimalen Bodenparameter besitzen, sind Biostimulanzien interessant. Sie dienen als Risikoabsicherung und können negative Effekte abfedern.
Da es bisher nur wenig hilfreiche wissenschaftliche Studien zur Wirkung von Biostimulanzien gibt, macht es Sinn, selber Erfahrungen zu sammeln. Aufgrund des wachsenden gesellschaftlichen und politischen Drucks kann davon ausgegangen werden, dass zukünftig weitere Wirkstoffe wegfallen, die Düngemengen reduziert werden müssen oder weitere Auflagen hinzukommen. Speziell schwierige (Teil-)Schläge bieten sich an, um sich mit Biostimulanzien zu beschäftigen. Wer hat keinen Acker oder zumindest ein Eck, in dem noch Verbesserungspotential schlummert??